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Mittwoch, 06.05.2026

Eurovision: Warum der Song Contest immer politisch ist

Person im Anzug mit gemusterter Krawatte steht in einem Hof mit Bänken und Grünflächen vor einem historischen Gebäude mit Arkaden. ©Uni Graz/Radlinger

Friedensforscher Josef Mühlbauer. Foto: Uni Graz/Radlinger

Der Eurovision Song Contest 2026 steht im Spannungsfeld von Musik, Geopolitik und Kultur. Josef Mühlbauer von der Universität Graz erklärt, warum der ESC immer ein Spiegel europäischer Politik war, wie das Groß-Ereignis kulturelle Nähe und gesellschaftlichen Wandel sichtbar macht.

Vom 12. bis 16. Mai werden Millionen Menschen den Eurovision Song Contest (ESC)  mitverfolgen. Ob am Handy, am Laptop oder im Fernsehen: Der ESC ist DAS Musik-Ereignis des Jahres. Damit ist der Musik-Wettbewerb eines der bedeutendsten grenz- und kulturübergreifenden Events. Die Veranstalter betonen: Beim ESC geht es nur um Musik, nie um Politik. 

Doch dieses Jahr steht der Wettbewerb besonders in der Kritik: Weil Israel trotz des Gaza-Kriegs teilnimmt, boykottieren die Länder Irland, Island, Niederlande, Slowenien und Spanien den Wettbewerb. Ist der Anspruch des „Unpolitischen“ noch zu halten? „Eigentlich nicht“, sagt Friedensforscher Josef Mühlbauer vom Institut für Rechtswissenschaftliche Grundlagen der Universität Graz. 

„Der Eurovision Song Contest ist eigentlich immer ein Spiegel der aktuellen politischen Lage in Europa“, erklärt der Wissenschaftler. Politische Konflikte und kulturelle Nähe prägen den Wettbewerb von Beginn an. Erkennbar seien etwa ein skandinavischer und auch ein Balkan-Block. „Das hat aber nichts mit Nationalismus zu tun. Oft geben Länder einander Punkte, die kulturell, geografisch oder ästhetisch nah beieinander liegen“, sagt Mühlbauer. Auch große Einwanderungsgruppen hätten Einfluss auf das Votingverhalten in den Ländern. 

Politik singt mit 

Und immer wieder haben auch politische Konflikte in den Wettbewerb hineingespielt, sei es der Kalte Krieg, der gewaltsame Zerfall Jugoslawiens oder zuletzt der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Russland wurde seit dem die Teilnahme verweigert. „Dass Israel heuer nicht ausgeschlossen wurde, wird von vielen als Doppelmoral gesehen. Schließlich liegt gegen Israels Premier Netanjahu ein internationaler Haftbefehl vor.“ Übrigens: Auch Österreich hatte einst ein Zeichen gesetzt: Als Spanien 1969 am Wettbewerb teilnahm, boykottierte der ORF den ESC aus Protest gegen die Franko-Diktatur.

Doch nicht nur die Frage der Teilnahme hat eine politische Komponente. Künstler:innen nutzen den ESC oft für Botschaften: In den 90ern sangen Bands aus Ex-Jugoslawien sehr oft über den Krieg. Beim Auftritt der russischen Gruppe t.A.T.u im Jahr 2003 drohte die ESC-Leitung sogar damit, die Live-Übertragung zu unterbrechen, falls die Sängerinnen der Gruppe sich auf der Bühne küssen würden. Elf Jahre später zeigte Conchita Wurst mit ihrem Sieg Flagge für die LGBTQ+-Community. 

Diese Vielfalt war lange ein Markenzeichen des Song-Contests, sagt der Friedensforscher. Doch es gibt auch Kritik, dass der Bewerb immer mehr kommerzialisiert werde. „Dadurch gehen oft die feinen Nuancen verloren, welche die Auftritte speziell machen“. Für Mühlbauer sei das seitens der Künstler:innen verständlich. Der ESC ist oft die einzige Chance, weltweit bekannt zu werden. 

Unter dem Gesichtspunkt muss man die oft diskutierte Frage der Sprache sehen. Die Sänger:innen stehen vor der Entscheidung: Singen sie in ihrer eigenen Sprache und zeigen damit mehr kulturelle Eigenständigkeit – oder setzen sie auf Englisch, um europaweit leichter verstanden zu werden? „Dabei darf man nicht vergessen: Englisch wird von Millionen Menschen in ganz Europa verstanden und ist damit ein verbindendes Element“, sagt der Friedensforscher. Doch gerade diese Mischung aus Popshow, Plattform für Newcomer:innen sowie Bühne für kulturelle Vielfalt und politischen Diskurs macht den ESC so besonders. 

Für alle, die wissen wollen, wie Musik, Kunst und Kultur unsere Gesellschaft prägen, findet an der Universität Graz mit Musikologie das richtige Studium. Und Masterstudierende, die sich tiefer mit Frieden und Politik auseinandersetzen wollen, bekommen im Mastermodul “International Peacebuilding and Conflict Transition” eine wertvolle Zusatzausbildung.

Erstellt von Roman Vilgut

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