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Seuchen in der Menschheitsgeschichte

Freitag, 27.03.2020

Ein spannender Blick zurück mit REWI-Professorin Anita Ziegerhofer: Von den ersten Aufzeichnungen, über die Pest im Mittelalter bis hin zu Seuchen im 20. Jhd. und deren Folgen

(Interview geführt am 27.3.2020)

 

REWI: Die Menschheit wurde in der Geschichte mehrmals von Seuchen, Krankheiten und Plagen heimgesucht. Was wurde davon überliefert?

Anita Ziegerhofer: Wir wissen aus den frühen Aufzeichnungen der Geschichtsschreibung wie etwa von Thukydides, Herodot oder auch von Hippokrates von Cos, dass alle Zivilisationen unter den fatalen Folgen ansteckender Krankheiten zu leiden hatten. Diese Krankheiten wurden unter dem Überbegriff „Pest“ zusammengefasst, den Begriff finden wir schon im 2. Jahrhundert v. Chr. bei den Ägyptern, und auch im Alten Testament. Da diese Überlieferungen nicht immer genau waren, ist es für Medizinhistoriker_innen heute schwer festzustellen, welche Krankheiten damals eine Epidemie auslösten. So konnte es sich um Masern oder Typhus handeln, um das Dengue-Fieber oder Pocken, aber auch um die Beulenpest oder das Fleckfieber. Die im Mittelmeerraum am häufigsten endemisch (also örtlich begrenzt) auftretende Krankheit war die Malaria. Sie dürfte am Zerfall Griechenlands, aber auch des Römischen Reiches Anteil gehabt haben. Aus den Aufzeichnungen der Chronisten entnehmen wir, dass in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts im Römischen Reich eine Seuche ausbrach, die 15 Jahre anhielt und der man den Namen „Pest von Galen“ gab, benannt nach dem bedeutendsten antiken Arzt, Galen von Pergamon (130 n.Chr. – 210 n.Chr.). So soll auch Kaiser Marc Aurel (121-180) in Vindobona dieser schrecklichen Seuche erlegen sein. In der Mitte des 6. Jahrhunderts grassierte die „Pest des Justinian“, die alle Teile des untergegangenen „alten Reiches“ erfasste und nach Prokop von Cäsarea fast die gesamte Menschheit dahingerafft hatte. Sie war aus Äthiopien 542 nach Konstantinopel eingeschleppt worden und durch Seeleute nach Illyrien, Tunesien, Spanien, Italien bis zum Rhein verbreitet worden. 544 verkündete Kaiser Justinian (482-565) das Ende der Seuche und ordnete mittels Dekret an, dass die Preise, wie sie vor Ausbruch der Epidemie gegolten hatten, wieder zur Anwendung kommen werden. Abermals brach die Pest 557 in Antiocha aus, gelangte von dort wieder nach Konstantinopel, dann nach Ravenna, Istrien und Ligurien, erreichte 570 den römischen Hafen Ostia, kam dann ins Rhonetal und in die Auvergne. Bis zum Ende des 8. Jahrhunderts sollte sie alle zwölf Jahre für ein bis zwei Jahre als Epidemie wüten, um dann wieder abzuschwächen. Aus heutiger Sicht kann man diese Pestepidemie als Pandemie der damals bekannten Welt bezeichnen. Fast alle diese Seuchenzüge nahmen Ausgang im Orient und verbreiteten sich durch die Schifffahrt. Neben der Pest kam es auch zum Ausbruch neuer Krankheiten wie etwa der Pocken. Wenn man den damaligen Chronisten Glauben schenken will und neueste Forschung belegt es auch, führten diese Pestepidemien zur Entvölkerung zahlreicher Landstriche, in weiterer Folge zu Völkerwanderungen und einer demografischen Veränderung des Okzidents.

 

REWI: Viele bekannte Schriftsteller beschäftigten sich mit der Pest. Können Sie uns über den „Schwarzen Tod“ noch Näheres sagen?

Anita Ziegerhofer: Die Pest ebbte gegen Ende des 8. Jahrhunderts ab, warum ist nicht erklärbar. Jedenfalls schien sie im 14. Jahrhundert aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen verschwunden zu sein, denn ihr neuerlicher Ausbruch überraschte die Menschen vollkommen unvorbereitet. Damals nahm die Krankheit um das Jahr 1340 von Zentralasien ihren Ausgang, gelangte über die Karawanenstraße nördlich des Kaspischen Meeres 1346 nach Astrachan, dann von dort die Wolga stromaufwärts, den Don hinab bis sie 1347 die Hafenstadt Caffa auf der Krim erreichte. Ende 1347 erreichte der „Schwarze Tod“ Konstantinopel. Die Matrosen, die auf den Schiffen schwerkrank überlebten, verseuchten nun die Häfen, wo sie vor Anker gingen. So erreichte der „Schwarze Tod“ über Genua am 1. November 1348 Marseilles. Von dort gelangte sie in die Provence, wo 50 bis 70 Prozent der Bevölkerung dahingerafft wurden. Am 1. Jänner 1349 kam sie nach Pisa und gelangte über Ragusa nach Venedig, wo der „Schwarze Tod“ am 25. Jänner 1349 zu wüten begann. Von hier aus wurde Gesamtkontinentaleuropa verseucht. In weiterer Folge verhängte Venedig für „Pest“schiffe eine Quarantäne von 40 Tagen, um so die Verbreitung zu stoppen. Der demografische Verlust lässt sich für diese Zeit schwer beziffern, aber die Folgen dieses Massensterbens sollten Jahrhunderte währen, bis der demografische Stand von 1347 wieder erreicht war. Man kann annehmen, dass innerhalb von drei oder vier Jahren Europa zwischen einem Drittel und die Hälfte seiner Bevölkerung verloren hat. Auch in China wütete die Pest, auch hier war die Mortalität entsprechend hoch – in einigen Provinzen lag sie gar zwischen 60 und 70 Prozent. Übrigens, Giovanni Boccaccio (1313-1375) schrieb zwischen 1348-1353 über diese Zeit in seiner Novellensammlung „Das Dekameron“ und verfasste somit den ersten erotischen Roman.

Die Pest erhielt von Anfang an die Bezeichnung „Schwarzer Tod“, da sich auf der Haut der Erkrankten schwarze Flecken bildeten, wovon wir heute wissen, dass es die Gangrän-Zonen um die Flohbisse waren. In der Leistenbeuge und unter den Achseln bildeten sich die Ganglien, Pestbeulen, innerhalb von Stunden konnte man nach Ausbruch der Krankheit sterben. Der „Schwarze Tod“ war begleitet von Naturkatastrophen, Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Überschwemmungen, Kometen, Heuschreckenplagen oder Hungersnöten. So etwa bewirkte ein Erdbeben im Friaul 1348 einen Bergsturz des Dobratsch, was zu einer Flutwelle und Aufstauung der Gail führte – Überschwemmungen waren die Folge. Die Menschen suchten nach Schuldigen – man dachte, dass u.a. vergiftete Brunnen die Pest ausgelöst hätten und machte die Juden dafür verantwortlich. Derartige „Pest“pogrome gegen die Juden in Frankreich, der Schweiz und im Deutschen Reich waren die Folge. In den alten Schriften findet man häufig gemeinsam mit der Nennung von Epidemien gewaltige Ratten- und Mäuseinvasionen. Dies verwundert nicht, wenn man sich die Lebensbedingungen der mittelalterlichen Menschen vorstellt! Auch ein interessanter Aspekt könnte zur Ausbreitung der Nagetiere beigetragen haben: In der Mitte des 14. Jahrhunderts war die Katzenpopulation extrem zurückgegangen, da die Kirche die Meinung verbreitete, dass sich der Teufel den Menschen in Form von Katzen zeigen könne. Im Laufe der Zeit und vor allem mit zunehmender Aufklärung glaubte man nicht mehr an ein Teufelswerk, an Brunnenvergifter oder Hexer, sondern verließ sich z.B. auf die Astrologie. So etwa meinte man, dass Kometen oder Sternschnuppenregen eine Epidemie oder anderes Unheil ankündigen.

 

REWI: Wie ging man mit der Pest um?

Anita Ziegerhofer: Gegen die Pest half – wenn man sie früh genug erkannte – das Ausweichen auf einen sicheren Ort. Sämtliche Jahrmärkte, Feierlichkeiten oder auch Badehäuser wurden gesperrt. Die Wissenschaft kann nur spekulieren, warum Menschen geheilt wurden: Möglicherweise, weil diese Menschen das Genmaterial gegen den Bazillus schon in sich trugen und daher resistent waren und es so ihren Nachkommen weitervererben konnten. Welches Leid die Menschen durchmachten, die miterleben mussten, wie vor ihren Augen familiäre und gesellschaftliche Bindungen zerbrachen, kann man nur erahnen. Von Gottesstrafe war damals die Rede, Sühneriten wie etwa Psalmengesang oder Bittgottesdienste waren nicht nur in christlichen Ländern üblich, sondern auch in China.

Nicht nur Händler, Seeleute oder Soldaten verbreiteten die Pest, sondern auch Pilger, die etwa auf dem Weg nach Santiago de Compostela oder Mekka waren, und sich in den Hospizen ansteckten. Den Menschen im 14. Jahrhundert war damals schon klar, dass die Quarantäne die einzige Chance war, die Epidemie einzudämmen – teilweise wurde die Isolierung sogar auf sechzig bis achtzig Tage verlängert. Zusätzlich wurden Häuser und infizierte Gegenstände verbrannt, Parfumessenzen in geschlossenen Räumen eingesetzt, Kleider und Körper damit besprüht. Die Straßen spülte man mit reichlich Wasser oder man empfahl das Tabakrauchen ab dem 16. Jahrhundert, das in manchen Gegenden sogar zur Pflicht wurde. Einige Quellen überliefern, dass man sich eine Ziege in den Wohnraum stellte, um durch den üblen Geruch die Pest zu vertreiben.

 

REWI: Zeigten die Maßnahmen von damals Wirkung? Kam die Pest nach dem Mittelalter zurück?

Anita Ziegerhofer: Die Vorkehrungsmaßnahmen halfen nichts, die Pest kam wieder zurück: Sie hinterließ grauenvolle Spuren 1629 in Mailand (Alessandro Manzoni widmete diesem schrecklichen Ereignis ein Kapitel in seinem Roman „Die Verlobten“, 1827 erschienen). 1654 wütete der „Schwarze Tod“ in Barcelona und 1665/66 in London. In seinem Buch „A Journal of the Plague Year“, 1722, beschreibt Daniel Defoe u.a., dass die Spitäler die Infizierten nicht mehr aufnehmen konnten. Daher wurden diese in ihren eigenen vier Wänden eingesperrt und man ernannte Gesundheitsinspektoren, die alle Häuser in regelmäßigen Abständen inspizierten und Krankheitsverdachtsfälle melden mussten. Diesen Häusern wurden Wachmänner zugewiesen, um jedermann am Betreten oder Verlassen des Hauses zu hindern. Zwei Jahre vor dem Erscheinen von Defoes Buch war in Marseilles die Pest ausgebrochen: Erste Fälle wurden am 21. Juni 1720 gemeldet, am 1. August zählte man bereits 100 Tote und Mitte September war der Place de la Tourette ein einziges Totenfeld. Erst als ein neuer Oberbefehlshaber Ordnung und Sauberkeit wiederherstellte, ging das Massensterben zurück – er ließ Sperrstunden einführen, Behelfslazarette in Zelten einrichten, Spelunken schließen und die Straßen räumen. Ende Oktober konnten die Pesthäuser schließen.

In der Neuzeit trat die Pest nur mehr ortsweise auf, so auch 1679 in Wien, wo der Legende nach der „liebe Augustin“ lebendig einem Pest-Massengrab entstieg und seither die Wiener mit dieser Geschichte aufheiterte. Abraham a Santa Clara (1644-1709), der auch in Graz lebte, berichtete über ihn. Der Pater hielt übrigens 1685 im Zuge der Einweihung der Pestsäule auf dem heutigen Karmeliterplatz eine gewaltige Bußpredigt. Die Pest war damals übrigens von Kaiser Leopold I. in die Steiermark gebracht worden, als dieser mit seinem Gefolge aus Wien nach Mariazell floh, um so vor der Pest sicher zu sein. Über die Geschichte der Pest in der Steiermark verfasste Richard Peinlich 1878 ein zweibändiges Werk! Anfang des 19. Jahrhunderts kam die Pest auch wieder aus dem Osten nach Europa, erreichte 1816 Bari, 1819 Mallorca und schlug 1828 in Odessa zu. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam sie entlang der Hotspots des internationalen Handels: 1894 Hongkong, 1896 Bombay, 1897 Suez, 1899 Südafrika, 1899 San Francisco, und 1920 gab es in Paris und Marseille Tote. 27 Jahre später verfasste Albert Camus (1913-1960) sein Werk „Die Pest“.

Als Maßnahme gegen die Pest erließ z.B. Kaiser Franz Josef 1901 und 1902 das Ein- und Durchfuhrverbot von gewissen Waren aus Konstantinopel und Odessa in die Länder der Monarchie. Dieses Verbot wurde per Verordnung des Ministeriums des Innern, Handels und der Finanzen 1903 wieder aufgehoben (RGBl 12/1903).

 

REWI: Gab es zu dieser Zeit neben der Pest weitere Seuchen in Europa?

Anita Ziegerhofer: 1817 kam eine weitere Krankheit auf Europa zu, die arabische und europäische Seefahrer verbreiteten: die Cholera, der Gallenfluss. Dabei handelte es sich um eine stark ansteckende Durchfall-Erkrankung, begleitet von heftigem Erbrechen und hohem Fieber – die Menschen starben einen langen und qualvollen, aber auch plötzlichen, Tod durch Austrocknen. Die Cholera gelangte über Indochina, Russland nach China und erreichte 1821 Persien. 1826 brach sie erneut in China und Russland aus, um dann in Deutschland und Frankreich zu wüten. Paris war vorgewarnt als dort am 25. März 1832 drei Cholera-Erkrankte gemeldet wurden. Man nahm diese Meldung nicht ernst, witzelte darüber und meinte, dass in einem so sauberen Land wie Frankreich eine derartige Seuche nicht ausbrechen könne. Bald sollte sich dies als Irrglaube herausstellen, täglich stieg die Zahl der Neuzugänge in den Spitälern, jedoch negierte die Presse zunächst diese Meldungen. Schließlich veröffentlichte eine Zeitung nicht nur die Todesanzeigen, sondern auch eine Gesundheitsstatistik: Ab dem 2. April starben täglich 100 Menschen. Die Behörden waren machtlos, man kam mit den Beerdigungen nicht mehr nach – Massengräber mussten ausgehoben werden. Victor Hugo hat diesen Zustand von Paris während der Cholera in „Les Miserables“ 1862 verfasst. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts baute Österreich einen Cordon sanitaire an den Grenzen zum Osmanischen Reich und dem Balkan als Absperrung gegen die Seuchen. Man reagierte 1856 etwa mit einer Anordnung, dass Witwen und Waisen von Ärzten, Wundärzten und Krankenwärtern, die in Ausübung ihres Amtes an Cholera verstorben waren, Anspruch auf Pensionen, Provisionen und Erziehungsbeiträgen hätten (RGBl 113/1856), oder mit dem Erlass einer Verordnung des Ministeriums des Innern und Handels. Darin waren Maßnahmen festgesetzt, welche Vorkehrungen man im Fall des Ausbruchs einer Cholera-Epidemie zu treffen hätte (RGBl 154/1892). Demnach durfte man in einem Zeitraum von vier Wochen aus einem kontaminierten Gebiet keine Lebensmittel ausführen, noch „Hadern“ sammeln. Derlei Verordnungen gibt es viele, bemerkenswert ist eine Verordnung aus dem Jahr 1995, womit man versuchte, das Einschleppen der Cholera aus Albanien zu verhindern (BGBl 355/1995).

 

REWI: Änderte sich etwas im Umgang mit Seuchen?

Anita Ziegerhofer: Im Gegensatz zu den Pestepidemien im Mittelalter und in der frühen Neuzeit begannen im 19. Jahrhundert die Regierungen, ihre Gesundheitsvorschriften aufeinander abzustimmen – dies auch, weil 1830 abermals eine Cholera-Seuche Frankreich heimgesucht hatte. So hielt man in Paris 1851 eine internationale Gesundheitskonferenz ab, bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden weitere diesbezügliche Konferenzen organisiert und bald waren Vertreter aller fünf Kontinente anwesend. Allerdings zeigen uns die Beschlüsse, dass man der Wissenschaft wenig vertraute und daher viel kostbare Zeit in der Bekämpfung von Epidemien und Seuchen verschwendete. Begriffe wie „Ansteckung“, „Epidemie“ oder „Übertragung“ wurden nicht diskutiert. Die Tagungen wollten lediglich die Quarantänebestimmungen angleichen.

Die Staaten hatten erkannt, dass eine internationale Zusammenarbeit auf dem Sektor der Gesundheit notwendig geworden war. So hatte man 1839 in Konstantinopel einen „Obersten Gesundheitsrat“ installiert, der zunächst unter osmanischen Behörden stand, später konnte auch der Westen die Aufnahme eigener Mitarbeiter durchsetzen. Gemeinsam mit dem Gesundheitsrat von Tanger (1840) und dem Quarantänerat Ägyptens (1843) entwickelte er sich zu einem wichtigen Informationsinstrument für den gesamten Mittelmeerraum. Internationale Übereinkommen wurden geschlossen, dem auch die damalige österreichische Monarchie beitrat: 1893 unterzeichnete Kaiser Franz Joseph das „Internationale Übereinkommen über gemeinsame Maßregeln zum Schutze der öffentlichen Gesundheit in Zeiten des epidemischen Auftretens der Cholera“ gemeinsam mit Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, Montenegro, den Niederlanden, Russland und der Schweiz (RGBl 69/1893). Dabei ging es darum, dass die Konventionsstaaten sich laufend über den Stand der Einschleppung unterrichteten, über Ein- und Durchfuhrverbote oder um die Desinfektionen auch für Reisende an den Grenzübergängen. Weiters trat die k.u.k. Monarchie dem „Internationalen Sanitäts-Übereinkommen“ vom 19. März 1897 bei, an dem viele europäische Staaten, aber auch Persien, die Türkei und Russland teilnahmen (RGBl 13/1897). Darin ging es um eine Benachrichtigungspflicht aller Konventionsstaaten, um Maßnahmen für Pilgerschiffe, um Maßnahmen zur Verhinderung der Einschleppung von Krankheiten zu Lande, Quarantäne, Desinfektionen usw. Diese Konvention war übrigens eine von vielen, denen die Republik Österreich im Vertrag von St. Germain beitreten musste. Da eine übergeordnete Instanz, die die Tätigkeiten dieser Institutionen effizient koordinierte, fehlte, gründete man 1910 den Weltgesundheitsrat. Aus ihm ging die Gesundheitsorganisation des Völkerbundes hervor und nach 1945 die uns heute bekannte WHO. Mittlerweile hatten die Staaten auch erkannt, dass sie die Errungenschaften der Medizin im Kampf gegen die Seuchen berücksichtigen müssen. Alexandré Yersin (Yersinia pestis) entdeckte 1894 den verantwortlichen Bazillus, der die Pest verursachte, 1898 wies Paul-Louis Simond die Trägerrolle des Flohs nach und 1897 wurde von Waldemar Haffkine ein erster wirksamer Impfstoff gegen die Pest entwickelt. Filippo Pacini gelang bereits 1854 die Isolierung des Choleravibrions, die Vernichtung dieser Krankheit konnte er auch nicht bewirken, sie tritt auch noch heute vielerorts auf. Obwohl die Grippe damals schon eine gut erforschte Infektionskrankheit war, trat sie spätestens seit dem 19. Jahrhundert als Pandemie auf – von China ausgehend erfasste sie bald die gesamte Welt und wütete von 1889 bis 1892, schätzungsweise erkrankten damals 40 Prozent der Weltbevölkerung.

In den letzten 200 Jahren konnten die Infektionskrankheiten deshalb eingedämmt werden, weil die Landschaft umgewandelt wurde, etwa durch Trockenlegung der Sümpfe, Hygiene und Sauberkeit ins alltägliche Leben Einzug fanden, die Siedlungs- und Wohnweisen sich änderten, es zu einer besseren Ernährung der Menschheit kam und ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Medizin entsprechende Fortschritte machte.

 

REWI: Gab es in der jüngeren Vergangenheit Pandemien, die Europa stark getroffen haben?

Anita Ziegerhofer: Trotz der Fortschritte in der Medizin und in den Lebensweisen der Menschen brachen auch im 20. Jahrhundert viele Pandemien aus. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges wütete die „Spanische Grippe“ 1918/19. Der Patient Null war kein Spanier, sondern ein amerikanischer Farmer und Soldat. Da Spanien als einziges Land keine Pressezensur hatte, konnte es darüber berichten – daher leitet sich der Name der Grippe ab. Die „Spanische Grippe“ forderte weltweit je nach Schätzungen 25 bis 100 Millionen Tote! Die meisten Todesopfer hatten Asien und Indien zu beklagen. Sie verlief in Schüben, wobei die dritte Welle, die in der ersten Septemberhälfte in Mittel- und Westeuropa eingesetzt hatte, die heftigste war. Epidemische Seuchen traten während der Zwischenkriegszeit und auch im Zuge des Zweiten Weltkrieges in Form von Typhus, Malaria, Syphilis, Keuchhusten, Masern oder Scharlach, Diphterie und Lungentuberkulose auf. 1957 suchte die Asiatische Grippe die Welt heim, sie ging von China aus und hatte als Erreger das Geflügelpestvirus. 1978 und 1980 trat die Hongkong-Grippe auf, dieses Virus wurde vermutlich vom Schwein auf Menschen übertragen. Seit den 1980er Jahren kam Aids auf, SARS Anfang des 21. Jahrtausends, Vogelgrippe, Schweinegrippe, Ebola und jetzt Corona.

 

REWI: Welche Folgen zogen Epidemien nach sich?

Anita Ziegerhofer: Wie bereits angeklungen, kam es durch diese Epidemien zu demografischen Veränderungen in der Gesellschaft: viele Menschen starben, viele Menschen wanderten aus und weg. Massenhysterie und Massenpanik brach aus – man suchte nach Schuldigen, die auch gefunden wurden: Landstreicher, infizierte Menschen oder schließlich Juden, die man der Brunnenvergiftung während der Zeit des „Schwarzen Todes“ bezichtigte. Am Untergang von Griechenland und dem Römischen Reich kann man auch Seuchen verantwortlich machen. Die Epidemien zogen wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit und Verschuldung nach sich. Aus Dankbarkeit für das Ende der Pest wurden vielerorts Pestsäulen errichtet.

Viren und Bakterien haben die Menschheit seit jeher in Atem gehalten, sie kennen keine Grenzen, weder territoriale noch soziale, schon gar nicht politische. Vor allem ab dem Zeitpunkt, als Europa mit der ganzen Welt in Kontakt getreten ist, stieg auch die Verbreitung von (ansteckenden) Krankheiten. Eine wesentliche Aufgabe des modernen Verfassungs- und Industriestaates war ab dem 19. Jahrhundert die Bekämpfung des Seuchenwesens geworden. Es gab Leprosen-, Hospital- und Seuchenordnungen, Gesetze gegen Pocken und Syphilis. Erkrankte wurden gezwungen, sich zu erkennen zu geben, und wurden sozial ausgegrenzt. So blieben Information und Isolation bis ins 20. Jahrhundert die Säulen des Seuchenrechts und sollten sich auch im 21. Jahrhundert als solche erweisen. Übrigens, Österreich verfügte ab 1950 über ein Epidemiegesetz. Bei allen diesen Entwicklungen zeigt sich ein Wettlauf zwischen Viren und Medizinforschung, diese hinkt immer einen Schritt hinterdrein. Unter dem Druck der Epidemien hat der Mensch manch traditionelle Lebensgewohnheit aufgegeben: Er verbesserte seine Wohnverhältnisse, Nahrungsgewohnheiten sowie Hygiene und Sauberkeit. Epidemien veränderten seinen Umgang mit Menschen und der Umwelt… Ein Phänomen, das wir auch in der gegenwärtigen Covid-19 Pandemie beobachten.

 

Literatur:

Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2008

Jacques Ruffié und Jean-Charles Sournia, Die Seuche in der Geschichte der Menschheit, München 1993

Manfred Vasold, Pest, Not und schwere Plagen. Seuchen und Epidemien vom Mittelalter bis heute, München 1991

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